Alle hören Musik. Als MP3 auf dem Rechner, auf CD über eine kleine oder große, dicke Anlage, im Radio… manche Leute sollen sogar tatsächlich hin und wieder ein Tape laufen lassen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ich habe mich selber auch schon dabei erwischt: Für umgerechnet Eineurofünfzigcent musste ich “The Boatman´s Call” von Nick Cave unbedingt aus einem bulgarischen Raubkopiererladen mitnehmen. Natürlich war der Sound scheiße, und die Nebengeräusche einer osteuropäischen Billigkassette waren fast lauter als der Sound selbst, aber hey… geniale Musik fast umsonst! Mittlerweile habe ich das Ding so oft gehört, dass nur noch ein dumpfes Rauschen aus den Boxen wabbelt, wenn ich das Tape einschmeiße.
Ähm… zurück zum Thema. Platten hören! Vielleicht scheint es ein bisschen reaktionär, sich in einem Onlineartikel über etwas so angestaubtes, unhandliches und oft komisch riechendes wie eine LP aus Vinyl auszulassen. Wenn man es dann aber mal probiert, wird das Anhören von Schallplatten aber fix zur Sucht.
Du setzt dich vor deine Plattenkiste, kramst ein wenig drin herum und nimmst wahrscheinlich etwas ganz anderes raus, als du eigentlich vorhattest, weil eines der unwahrscheinlich großen Cover dich extrem angrinst. Vorsichtig fischst du die weiße Papierhülle aus dem Inneren und nimmst die Platte raus. Das CD-Format ist dagegen ein Witz, deine Schallplatte ist groß, schwarz, böse und im besten Fall bis zu 180 Gramm schwer. Zack. Du legst auf und stellst den Plattenspieler an, der Kaventsmann fängt an, sich langsam und selbstbewusst zu drehen. Die Nadel legst du freihändig auf und ein ziemlich leises “ssssss” erklingt, manchmal auch ein kleines Kratzen, dass jeden Moment von lauter Rock/Punk/HipHop/Reggae/Country oder sonstwas für einer Musik übertönt werden wird.
Du zitterst schon vor Gier, die dieses kleine Intro jeder LP bei dir erzeugt und wirst Sekunden später erlöst. Organisch und unglaublich echt kommen die Drums, Gitarren klingen, als hättest du deinen Kopf direkt vor einem Marshall-Turm geparkt und unwillkürlich reißt du deine Anlage nochmal um 30 Prozent auf, um die Bässe noch bässer fühlen zu können! Du lässt dich in deinen Sessel fallen und steckst dir die Tüte an, die du extra für dieses Gelegenheit gebastelt hast und versackst für die Dauer mindestens eines ganzen Albums komplett im Sound deiner Wahl.
Ja verdammt, es ist dreimal umständlicher, als den Rechner anzumachen (der wahrscheinlich eh die ganze Zeit läuft – seien wir ehrlich) und mit einem Klick alles anzuschmeißen, was es überhaupt gibt. Aber scheiße, es kommt nicht so fett wie von Pladde, ob Jan Delay, Stones oder Slayer. Für einen Plattenspieler ist Plattenspielen kein Nebenjob, sondern Bestimmung, also gesteht es ihm zu und zieht euch den Scheiß bitte mal rein!
Letzte Einkäufe & Tips:
(nicht nur LP, versteht sich)
Flogging Molly – Within A Mile Of Home
Irish Folk gemixt mit Punkrock aus LA. Erzeugt sofort Brand nach Whiskey & auch bei friedlichen Menschen einen unerklärlichen Drang, alles kurz und klein zu hauen oder wenigstens zu pogen und zu springen, bis das Blut aus der Nase tropft. Zwischendurch auch melancholische, ruhige Sachen (“Factory Girls” – hach, wie schön…). Schneller Überblick: Mitsingfaktor fast unschlagbar, hochmelodisch und voll nach vorne.
Website: floggingmolly.com
MySpace: myspace.com/floggingmolly (“Tobacco Island” online – anchecken!!)
Zeke – ´Til The Livin´ End
Auch auf die Gefahr hin, einseitig zu werden: Noch mehr Punkrock, diesmal aber von der wildesten Sorte. Es gibt von den vier bescheuerten Drogenopfern aus Seattle von Anfang bis Ende voll auf die Nuss; neben drei, vier oberfiesen Midtempotracks gibt es ausschließlich Höchstgeschwindigkeit. Der Gitarrensound ist ein brüllendes Inferno, der Gesang auch und… der Rest im Prinzip auch. Vom Text versteht man fast gar nix, aber wer will das schon? Das hier ist brutal. Wer auf vertonte Aggression bei trotzdem bester Laune abfährt, kennt Zeke eh schon lange oder muss es jetzt in Angriff nehmen!
Website: zekeyou.com
MySpace: myspace.com/zeke (“Lords Of The Highway”)

und wie scrobbelt der plattenspieler das gehörte zu last.fm?
hast natürlich trotzdem recht. je nach musik kann platte schon sehr viel. “dark side of the moon” ist zb göttlich auf platte.
Hach ja, da werden Erinnerungen wach. Ich weiß garnicht mehr wie oft ich Iron Maiden – Somewhere In Time abgekratzt habe…
Oh ja, mach ich fast jeden Tag, Am Wochenende sogar die ganze Nacht!
Die Links der anderen - blog.rebellen.info Berlin // Okt 9, 2007 at 21:43
[...] sind wieder immer noch schwer angesagt: Bitte mehr Platten hören! Eine [...]
Wenn ich ehrlich bin sind mir Schallplatten viel zu anstrengend. Nach 3 Liedern muss man aufstehen, das Ding umdrehen, am besten noch kurz drüberputzen weil sonst irgendwelche Fussel die Platte springen lassen, apropos springen- einmal nen Kratzer drin schon fehlen komplette Strophen. Saunervig.
Dann doch lieber Tapes. Wenn sie unbeschriftet sind ist es sauspannend, was man wohl damals draufgezogen hat, dazu das leichte Leiern wenn die Batterien nachlassen, das Rauschen, das davon zeugt das die Kassette schon eine Millionen mal gespielt wurde und allein das geilste aller Geräusche: das Klacken, wenn das Tape umgedreht werden möchte oder man “Stop” gedrückt hat. 60 Minuten, 90 Minuten Unterhaltung, dazu unbezahlbare Erinnerungen die plötzlich auftauchen, wann und wo man die Kassette gehört hat- son Tapedeck ist ja im Gegensatz zum Plattenspieler mobil! Welche Erinnerungen verbinde ich denn mit einer Schallplatte? “Hmm damals, als ich auf dem Sofa saß und gewartet hab dass ich die Platte umdrehen muss…”… nein, meine Kassetten erinnern mich an die Autofahrten zu jams und Konzerten, mit aufgerehtem “Terrorist” von DJ Vadim, ans Freibad und das Gemecker der anderen Gäste, man möge die Scheißmusik doch bitte leiser stelllen, an meine Riesenwalkmans, bei denen ich alle 2 Tage die Batterien auswechseln musste. An Freestyle Mixtapes, an Mixtapes von damals noch unbekannten Künstlern, an Mixtapes, die man nur des Covers wegen gekauft hat, an Mixtapes, die so geil waren und man schier verrückt wurde weil man einfach nicht rausfinden konnte von wem welches Lied ist.
Für diese Erinnerungen nehm ich das Leiern und Rauschen gerne in Kauf, ach was, ich wär enttäuscht wenn meine Kassetten NICHT leiern und rauschen würden!
Schallplatten schön und gut, aber gegen
Kassetten verlieren sie einfach.
Meine Meinung.
Shadaim Blog » Blog Archiv » Bleib Hungrig (und fütter dein Tapdeck!) // Apr 29, 2008 at 23:52
[...] Motiv an sich zitiere ich mich einfach selbst: „…Dann doch lieber Tapes. Wenn sie unbeschriftet sind ist es [...]